Zum Fernseh- und Medienkonsum gibt es viele Fragen und Unsicherheiten. Hier einige Antworten und Anregungen.

Ergebnisse der KIM-Studie 2012 zur Vorschulkindern:

Geraetebesitz Vorschulkinder 2012freizeitaktivitäten 2012

mediennutzung allein oder gemeinsam

Übersicht

Was bedeutet Fernsehen in der Familie?

Ab wann können Kinder Fernsehen?

Fernsehdauer

Warum soll ich vorlesen oder mit meinem Kind gemeinsam fernsehen?

Lernen vom Fernsehen?

Auf der Suche nach Orientierung – was hat das Fernsehen für Kinder im Angebot?

Kinder sehen anders – wie werden Fernsehinhalte verarbeitet?
Vom Topmodel zum Superhelden – was fasziniert Mädchen und Jungen im Fernsehen?

Jugendschutz im TV – was sollten Eltern beachten?

Qualität in Serie – was sind Kriterien für „gutes“ Programm?

Mehrfachvermarktung von Fernsehfiguren – Kommerz auf allen Kanälen?

Kann ich mich auf die Alterskennzeichnungen bei Spielen und Filmen verlassen?

Medien und Wirklichkeit

Von welchem Alter an können Kinder Realität und Fiktion voneinander unterscheiden?

DokuSoap und Scripted Reality

Wie objektiv kann Fernsehen, können Medien Wirklichkeit abbilden?

Was ist mit Virtual Reality, abgekürzt VR, gemeint?

Wird in den Informationsmedien nicht auch manipuliert?

Entstehen durch übermäßigen Medienkonsum, Fernsehen, Internet und Boulevard-presse falsche Vorstellungen von der Wirklichkeit?

Liefern Medien auch falsche Vorbilder?

Ist Fernsehen ein wertvolles Fenster zur Wirklichkeit?

Gibt es Computerspiele für jüngere Kinder?

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Die folgenden Texte stammen von unterschiedlichen Quellen, die jeweils am Ende des Textes gekennzeichnet sind.

Was bedeutet Fernsehen in und mit der Familie?

Studien bestätigen immer wieder die Vorbildfunktion von Eltern: Wie viel, welche Inhalte und zu welchem Zweck sie fernsehen, bestimmt auch den Fernsehumgang der Kinder. Die Vorlieben und Bedürfnisse von Kindern unterschiedlichen Alters zu vereinbaren, ist schwer. Einerseits sollen die Jüngeren nicht überfordert werden, andererseits pochen die Älteren auf „ihre“ Lieblingssendungen.

Mit Geduld, Anregungen und guten Argumenten lassen sich dennoch Wege finden, die zur eigenen Familie passen. Von einem eigenen Gerät im Kinder-zimmer ist eher abzuraten: Dadurch haben Eltern weniger Kontrolle – und gemeinsames Fernsehen findet kaum mehr statt.

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Fernsehen will gelernt sein – ab wann können Kinder fernsehen?

Kindern unter drei Jahren sind vor allem damit beschäftigt, ihre reale Umwelt zu entdecken und begreifen – das Fernsehen und andere multimediale Reizquellen sind dabei eher störend.

Ab etwa drei Jahren können Kinder in kleinen Schritten an das Fernsehen herangeführt werden, sofern sie Interesse zeigen. Dabei brauchen sie die von Eltern oder anderen erwachsenen Bezugspersonen, die erklärend zur Seite stehen und auch mal trösten, wenn es zu aufregend wird. Wichtig ist ein altersgemäßes Programm, das den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Fernsehanfänger entspricht: kurze und einfach erzählte Geschichten, ein gutes Ende und alltagsnahe Themen.

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Die Zeit im Blick behalten – wie viel Fernsehen darf’s denn sein?

In der Studie „Was Kinder sehen“ (Feierabend/Klingler 2010, S. 183) wurde für das Jahr 2009 ermittelt, dass die 3-5-Jährigen durchschnittlich 71 Minuten pro Tag fernsehen, die 6-9-Jährigen 86 Minuten und die 10-13 Jährigen bereits 102 Minuten.
Bereits 45% der 6-13-Jährigen besitzen ein eigenes Gerät, davon 48 % der Jungen und 42 % der Mädchen. (KIM-Studie 2010, S. 8).

Wenn Kinder zu viel Zeit mit Fernsehen, Computer und Co. verbringen, sollten Eltern Grenzen ziehen. Statt den Fernsehkonsum mit starrer Zeitbegrenzung pro Tag zu regulieren, kann man mit den Kindern „Zeitgutscheine“ vereinbaren: Ein wöchentliches, altersangemessenes „Medienbudget“ können sich die Kinder in gewissen Grenzen frei einteilen. So darf ein toller Film in voller Länge gesehen werden oder eine Spielesession auch mal länger dauern. In bestimmten Situationen sollten Ausnahmen möglich sein. Wichtig ist, dass das Fernsehen und andere Medien nicht zum Mittelpunkt des Alltagslebens werden, sondern in Maßen genossen werden.

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Warum soll ich vorlesen oder mit meinem Kind gemeinsam fernsehen?

Kleine Kinder erfahren Geborgenheit und Nähe bei der gemeinsamen Mediennutzung mit Eltern und Geschwistern oder anderen Kindern. Dies stellt eine wichtige Schutzfunktion dar, weil sie die Realität des Mediums noch nicht von der sie umgebenden Wirklichkeit unter-scheiden können. Über die gemeinsame Mediennutzung lernen sie auch, welche Regeln und Beziehungen im sozialen Miteinander gelten. Daraus können sich Rituale ergeben, die den familiären Alltag und damit die Lebenswelt der Kinder strukturieren, wie z.B. das Sandmänn-chen am Abend oder die Vorlesegeschichte vor dem Zubettgehen. Da jüngere Kinder noch keinen Überblick über Medienformate und -genres haben, sollten sie nicht mit „den Medien“ alleine gelassen werden. Vielmehr können die gemeinsame Nutzung und das Gespräch über Medien helfen, sie in einer Nutzung von Medien zu begleiten und zu unterstützen, die ihrer Entwicklung nützlich ist.

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Was können Kinder mit dem Fernsehen lernen?

Kinder sind neugierig und haben unzählige Fragen. Auch das Kinderfernsehen ist dafür eine Anlaufstelle: Wissensmagazine, Dokumentationen, aber auch Sendungen mit Basteltipps liefern interessante Einblicke und Anregungen. Ältere Kinder interessieren sich auch für Angebote aus dem Erwachsenenprogramm, die allerdings mitunter sehr effektvoll und reißerisch in Szene gesetzt werden. Empfehlungen finden sich auf www.flimmo.de.

Nachrichten sind für Kinder kaum zumutbar, denn Berichterstattungen über Kriege und Katastrophen können sie überfordern und ängstigen. Kinder-nachrichtensendungen wie logo!, minitz oder neuneinhalb sind geeignete Alternativen, ebenso wie Angebote der Kinderradios und einschlägige, für Kinder gemachte Internetseiten.

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Auf der Suche nach Orientierung – was hat das Fernsehen für Kinder im Angebot?

Kinder nutzen das Fernsehen aus vielerlei Gründen. Neben alltäglichem Zeitvertreib auf der Suche nach Unterhaltung, Anregung und Spannung, sind Informations- und Orientierungssuche zentrale Motive. Das Fernsehen kann Einblicke in unbekannte Welten bieten aber auch Anregungen für die Ausformung von Welt- und Menschenbildern. Je nach Alter und Geschlecht werden unterschiedliche Themen relevant.

Während es bei jüngeren Kindern vor allem um Selbstbehauptung und Selbstständig werden geht, rücken bei älteren Kindern eher Fragen zur eigenen Identität und zu Lebensperspektiven in den Mittelpunkt. Themen wie Freundschaft und Familie ziehen sich durch die gesamte Kindheit.

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Kinder sehen anders – wie werden Fernsehinhalte verarbeitet?

Kinder verarbeiten Fernsehinhalte anders als Erwachsene. Sie achten auf andere Dinge, können sich weniger distanzieren und sind emotional mittendrin. Deshalb ist es so wichtig, Sendungen auszusuchen, die in Darstellung und Aufbereitung dem Alter (und den Interes-sen) der Kinder entsprechen. Bei jüngeren Kindern sollten Bezugspersonen mitschauen oder – wenn die Kinder älter und selbstständiger werden – in Reichweite sein, um bei Bedarf mit Trost, Rat oder Tat zur Seite zu stehen. Auch aktive und spielerische Formen sind hilfreich: Vor allem jüngere Kinder verarbeiten beim Malen oder Basteln und im (Nach-)Spielen die Eindrücke des Fernsehens.

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Vom Topmodel zum Superhelden – was fasziniert Mädchen und Jungen im Fernsehen?

Mädchen und Jungen sind verschieden, auch was ihre Fernsehvorlieben und Lieblingshel-den angeht. Während sich jüngere Mädchen eher Alltagsgeschichten mit Tierfiguren zuwenden, entdecken Jungen schon recht früh kämpferische Helden für sich.
Diese Vorliebe für Action ist zunächst kein Grund zur Beunruhigung. Werden jedoch überwiegend Serien und Filme konsumiert, in denen Gewalt legitimiert wird, besteht das Risiko, dass diese Botschaft von den Actionfans ernst genommen wird.

Bei älteren Mädchen rücken weibliche Teenystars wie Hannah Montana oder Beziehungsaspekte in Soaps, Daily-Dokus oder Castingshows in den Vordergrund. Angesichts der vermittelten sozialen Umgangsformen sowie der Ideale von Schönheit und Weiblichkeit sind auch diese Sendungen durchaus diskussionswürdig.

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Jugendschutz im TV – was sollten Eltern beachten?

Auch im Fernsehen greifen die Regelungen des Jugendmedienschutzes. So soll von den Fernsehsendern bei Sendungen, die für Kinder unter zwölf Jahren nicht geeignet sind, bei der Wahl der Sendezeit „dem Wohl jüngerer Kinder Rechnung getragen“ werden. Filme, die ab 16 freigegeben sind, dürfen erst ab 22 Uhr gesendet werden und Filme ab 18 erst nach 23 Uhr. Werden diese Filme bereits um 20.15 Uhr gesendet, müssen sie durch Schnitte „entschärft“ werden, sodass sie der Freigabe ab 12 Jahren entsprechen. Die Einschätzungen erfolgen durch die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) sowie die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen FSF).

Die Freigaben sind keine pädagogischen Empfehlungen, sondern kennzeichnen, ab welchem Alter davon auszugehen ist, dass die Kinder durch die Sendung oder den Film in ihrer Entwicklung nicht beeinträchtigt werden. Mehr dazu gibt es unter http://www.alm.de und unter www.fsf.de, weitere allgemeine Informationen zum Jugendme-dienschutz sind unter www.kjm.de und www.bundespruefstelle.de zu finden.

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Qualität in Serie – was sind Kriterien für „gutes“ Programm?

Programmangebote für Kinder sollten zunächst dem Alter angemessen sein, also sie weder unter- noch überfordern. Bieten sie außerdem originelle und vielschichtige Identifikationsfiguren für Mädchen und Jungen, ist für anregende Unterhaltung gesorgt. Stehen Wissen und Information auf dem Programm, ist es wichtig, dass die Inhalte anschaulich, unterhaltsam und abwechslungsreich präsentiert werden. Egal welches Genre: Ein noch so pädagogisch wertvolles Angebot wird keine Resonanz finden, wenn es den Vorlieben und Sehgewohnheiten der Mädchen und Jungen nicht entspricht.

Zum Thema Kinder und Fernsehen bietet www.flimmo.tv Orientierung in Form von Einschätzungen aktueller Sendungen, Tipps zur Fernseherziehung usw. Pädagogische Empfehlungen zu Spielfilmen gibt es u.a. unter www.topvideonews.de.

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Mehrfachvermarktung von Fernsehfiguren – Kommerz auf allen Kanälen?

Egal ob SpongeBob, Star Wars oder Prinzessin Lillifee, die Vermarktung von Medienhelden als raffinierte Verzahnung von Medien- und Konsummarkt ist nicht mehr aufzuhalten. Dem Fernsehen, immer noch ein wichtiges Medium bis etwa Ende des Grundschulalters, fällt dabei eine zentrale Rolle zu: Die Figuren und Stars aus Serien und Filmen fungieren als Zugpferde für (Medien-)Produkte und Kampagnen. Umso wichtiger ist es, Kindern die Vermark-tungsstrategien der Medienindustrie zu erklären. Je eher sich Mädchen und Jungen bewusst sind, was hinter der Mehrfachvermarktung steckt, desto eher lernen sie, kritisch damit umzugehen.

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Text: Dr. Ulrike Wagner, JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis
Dieser Text entstammt dem Infoset Medienkompetenz vom Medienpädagogischen For-schungsverbund Südwest. Weitere Informationen unter www.mpfs.de.

Kann ich mich auf die Alterskennzeichnungen bei Spielen und Filmen verlassen?

Die Alterskennzeichnungen der FSK, USK und anderer Selbstkontrolleinrichtungen sind keine pädagogischen Empfehlungen! Vielmehr werden Filme, Computerspiele und andere Medien dabei von Experten „nur“ daraufhin geprüft, ob von ihnen eine Beeinträchtigung für Kinder oder Jugendliche im Sinne des Jugendschutzgesetzes ausgehen kann. Konkret bedeutet das, dass Filme, DVDs, Computer- und Videospiele mit einer Altersbeschränkung für jüngere Kinder generell nicht geeignet sind. Zusätzlich muss man bedenken, dass sich Kinder gleichen Alters nicht nur hinsichtlich ihrer Entwicklung, sondern auch mit Blick auf ihre Fähigkeit, Eindrücke aus Medien konstruktiv zu verarbeiten, unterscheiden. Was also für den Einen eine spannende Geschichte ist, kann für die Andere schon eine Überforderung darstellen, was zur Folge hat, dass sie möglicherweise schlecht träumt. Bei der Auswahl von Spielen oder Filmen muss man, neben den individuellen Vorlieben und Interessen des Kindes, also auch den aktuellen Entwicklungsstand (intellektuell und emotional) berücksichtigen.

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Gibt es Computerspiele für jüngere Kinder?

Auch wenn zahlreiche Spiele „ohne Altersbeschränkung“ freigegeben sind, bedeutet dies nicht, dass diese Spiele alle für Kleinkinder geeignet sind. Denn oftmals sind kleine Kinder den inhaltlichen Aufgaben oder auch der komplexen Steuerung vieler Spiele nicht gewachsen. Daher finden sich in den einschlägigen Übersichten mit Spielbewertungen aus pädago-gischer Sicht leider nur in Ausnahmefällen Spiele, die für Vorschulkinder empfehlenswert sind. Dies gilt bedauerlicherweise auch für den Bereich Edutainment, der spielerische Elemente (Entertainment) mit Bildung und Lernen (Education) verbindet. Bei kleineren Geschicklichkeitsspielen oder Adaptionen bekannter Spiele wie Memory lässt sich die Eignung noch gut von Eltern selbst beurteilen. Für umfangreichere Spiele helfen z.B. die Bewertungen der Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) (www.spielbar.de/neu/spielbeurteilungen/) oder des ComputerProjekt Köln e.V. (www.spieleratgeber-nrw.de/site.3.de).

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Quelle: Medienpädagogischer Forschungsverband Südwest

Vorleseempfehlungen von Stiftung Lesen

Medien und Wirklichkeit

Wirklichkeit scheint selbstverständlich, ist es aber keineswegs. Dies gilt zunächst für die Wirklichkeit ohne Medien, die primäre Wirklichkeit. Seit dem griechischen Philosophen Platon bis zu den Quantenphysikern von heute wird über die „Wirklichkeit an sich“ gerätselt.

Rein praktisch gesehen, ist Wirklichkeit für uns, was wir um uns vorfinden und wahrnehmen. Allerdings nimmt jede Person anders wahr: Je nach Alter, Herkunft, Intelligenz, Erfahrung, Befindlichkeit etc. gibt es verschiedene Sichtweisen auf die gleichen Dinge. Insbesondere gilt: Wir nehmen Wirklichkeit so wahr, wie man sie uns gezeigt und erklärt hat. Und da spielen Medien eine zentrale Rolle. Das Meiste, was wir über Wirklichkeit wissen, wissen wir aus den Medien. Und diese Medien – Fernsehen, Internet, Hörfunk, Zeitung – führen uns verschiedenste Arten von Wirklichkeiten vor und wirbeln sie oft ziemlich durcheinander. Der Bildschirm – egal auf welchem Endgerät – gleicht so eher einem Kaleidoskop als einem Fernrohr, wie die Bezeichnung Fernsehen eigentlich suggeriert. Problem dabei ist: Kinder begegnen Dingen, Tieren, Menschen, Themen oft zuerst in den Medien, bevor sie sie in der primären Wirklichkeit kennengelernt haben. Und dies führt nicht selten zu verzerrten Wahrnehmungen und Vorstellungen.

Um mit den durch die Medien vermittelten Informationen entsprechend kompetent und richtig umgehen zu können, müssen Kinder die Arbeitsweise der Medien kennen- und durchschauen lernen.

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Von welchem Alter an können Kinder Realität und Fiktion voneinander unterscheiden?

Als Faustregel kann gelten, dass diese Unterscheidungsfähigkeit etwa mit dem Eintritt in die Grundschule einsetzt. Das Gespür für das kritische Auseinanderhalten von vorgefundener und erfundener Wirklichkeit muss indes ständig weiterentwickelt werden. Dabei gilt zu beachten, dass auch eine erfundene Handlung durchaus auf wahren Begebenheiten beruhen kann. Oft lässt sich an bestimmten Merkmalen erkennen, dass es sich bei einer Darbietung um Fiktion handelt, z.B. an den künstlichen Figuren in einem Zeichentrickfilm. Auch Begleitmusik oder in der Wirklichkeit unmögliche Handlungsabläufe (z.B. Menschen, die wie Superman durch die Luft fliegen) sind solche Fiktionalitätssignale.

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DokuSoap und Scripted Reality

In der Tat legen es die Macher von sogenanntem Realitätsfernsehen oft gerade darauf an, den Unterschied zwischen erfundenem und wirklichem Geschehen möglichst zu verwischen. In der DokuSoap werden reale Personen in ausgewählten spannungsreichen Situationen wie Umzug oder Auswanderung mit der Kamera begleitet und gleichzeitig durch Regieanweisungen geführt, und hernach wird die Handlung in der Nachbearbeitung noch weiter dramaturgisch aufgepeppt. Dagegen wird die sogenannte Scripted Reality („geskriptete“, d.h. vorstrukturierte Realität) in erfundenen Alltagssituationen mit Laien-Darstellern hergestellt. Charakteristisch dabei ist, dass sich solche durch aufwändiges Casting ausgewählten Per-sonen nicht wörtlich an ein Drehbuch halten müssen, sondern so sprechen, wie ihnen der Mund gewachsen ist. Dies führt zu einem erhöhten Eindruck von Authentizität, zumal es sich meistens um relativ plausible Szenen handelt. Oft sind also Darbietungen des Fernsehens, bei denen die Kamera wie zufällig beim Geschehen dabei ist und so außergewöhnliche Situationen „erwischt“, in Wirklichkeit „geskriptet“ und gespielt. Wenn selbst der erwachsene Zuschauer bei aller Medienkompetenz nicht abschließend zu beurteilen in der Lage sein kann, was nun echt und was gestellt sei, geht die dringende Empfehlung an Macher und Anbieter, den Status einer Darbietung unmissverständlich zu deklarieren.

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Wie objektiv kann Fernsehen, können Medien Wirklichkeit abbilden?

Grundsätzlich gilt: Medien können Wirklichkeit nie vollständig abbilden. Auch eine Live-Übertragung des Fernsehens zeigt nur einen Teil der Realität: Ausschnitte zu einem bestimmten Zeitpunkt aus einem bestimmten Blickwinkel. Straßeninterviews entsprechen nicht einem Querschnitt durch die Meinungen der Bevölkerung. Bei Nachrichten werden teilweise Ereignisse nachgestellt oder inszeniert oder durch Aufnahmen aus den Archiven illustriert. Ein seriöser Journalismus legt solche Hilfsmittel offen, z.B. mit Einblendungen wie „Gestellte Szene“ oder „Archivbild“. Auch persönliche Meinungen und Kommentare sollten als solche gekennzeichnet werden. Geben Sie Ihrem Kind zu verstehen, dass keine Darbietung eine absolute und einzig mögliche Wirklichkeit wiedergeben kann.

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Was ist mit Virtual Reality, abgekürzt VR, gemeint?

Virtuell heißt in der Grundbedeutung „möglich“, aber als technischer Begriff wird mit VR eine computergenerierte Abbildung von Realität bezeichnet, die je nachdem lediglich eine künstliche Scheinwelt darstellt, oder dann einen direkten Bezug zu einer bestehenden Wirklichkeit aufweist. Letzteres ist z.B. der Fall bei Navigationsgeräten im Straßenverkehr, die reale Daten der Wirklichkeit in Echtzeit in ein simuliertes Bild – etwa die Umgebung, in der man sich gerade befindet – umwandeln. Dasselbe Verfahren findet Anwendung in Trainingsgeräten, zum Beispiel bei Flugsimulatoren oder bei virtuellen Operationen in der Ärzteausbildung. Diese Methode ist besonders wertvoll, weil der „Ernstfall“ in 3D-Qualität geprobt werden kann und man sich so „wie richtig“, aber risikolos in der dreidimensionalen Welt bewegt.

Computergenerierte Visualisierungen und Modelle lassen sich ferner als Verständnishilfen oder Zusatzinformationen mit realen Bildungs- und Ausbildungsfilmen kombinieren. Ein solcher Zugewinn zur bloßen audiovisuellen Abbildung von Realität wird mit dem Fachbegriff „Augmented Reality“ (erweiterte Realität) deutlich gemacht.

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Wird in den Informationsmedien nicht auch manipuliert?

Manipulation heißt, dass ein Sachverhalt bewusst verfälscht dargeboten wird, wobei diese Verzerrung den Interessen des betreffenden Machers oder Anbieters dient und zum Nachteil der Konsumenten erfolgt. Z.B. werden Personen oder Einrichtungen in ein schiefes Licht gerückt oder bestehende Mängel verschwiegen. Infolge der Vielzahl von Veranstaltern in einem demokratischen Mediensystem wird es kaum möglich sein, wichtige Ereignisse und Sachverhalte ganz zu verschweigen oder allzu einseitig darzustellen. Persönliche Einfärbungen und Wertungen gibt es aber allemal. Und problematisch ist es bereits, wenn um der Einschaltquote willen die Berichterstattung über wichtige Ereignisse durch unterhaltende Elemente geschmälert wird – wenn also im sogenannten Infotainment der Nachrichtenwert durch Unterhaltungswert ersetzt wird. Bedenken Sie aber auch, dass oft aus äußeren Zwängen (Zeit- oder Platzknappheit) oder in Folge ungenügender Professionalität Mängel oder Unzulänglichkeiten auftreten. Machen Sie sich ein Spiel oder einen Sport daraus, Ihre Kinder auf mögliche Verzerrungen oder manipulative Elemente hinzuweisen und so deren Lesen, Zuhören und Zuschauen um eine kritische Note zu bereichern.

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Entstehen durch übermäßigen Medienkonsum, Fernsehen, Internet und Boulevard-presse falsche Vorstellungen von der Wirklichkeit?

Einerseits führt mangelndes Verstehen von Mediendarbietungen zu falschen Vorstellungen. Dies ist z.B. der Fall, wenn sich Kinder Sendungen anschauen, die nicht für ihre Altersstufe bestimmt sind. Aber auch aus altersgerechten Unterhaltungssendungen, Serien, Daily Soaps, Talk- und Game-Shows und den bereits erwähnten Scripted-Reality-Formaten können falsche Vorstellungen bezogen werden, z.B. zu einem normalen Urlaub gehöre übermäßiger Alkoholkonsum und leichtfertiger Sex. Man meint, die Realität sei so wie sie auf dem Bildschirm erscheint. Selbst wenn man sich bewusst ist, dass es sich um erfundene Spielszenen handelt, bezieht man gleichwohl Informationen über die Wirklichkeit aus ihnen: etwa aus Doku-Soaps Vorstellungen über Ärzte oder die Polizei, aus der Werbung ein bestimmtes Frauenbild oder z.B. die Annahme, dass es für alle Probleme eine simple Wenn-Dann-Lösung gibt – nach dem Muster „Wenn man das richtige Waschmittel kauft, werden alle Flecken zum Verschwinden gebracht“.

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Kann so geradezu ein falsches Weltbild entstehen?

Dieses Risiko besteht, und nicht nur als Folge des Konsums von Unterhaltungsangeboten. Man versteht die Welt als das krude Sammelsurium, das auf dem Bildschirm zu sehen ist. Journalisten entscheiden, was ausgewählt und thematisiert wird. Meistens sind es unvermeidlicherweise negative Ereignisse und Inhalte, über die sie berichten, und das weite Feld der Normalität bleibt unbeachtet. Vor dem Druck der Aktualität müssen andere, vielleicht wichtigere Themen, weichen. Gerade für Heranwachsende wäre es oft wertvoller, statt über aktuelle nichtige Begebenheiten informiert zu werden, über größere Zusammenhänge und lebenswichtige grundsätzliche Aspekte und Perspektiven Bescheid zu wissen.

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Liefern Medien auch falsche Vorbilder?

Wenn man sein Menschenbild z.B. nur aus dem Showbusiness beziehen würde, wäre dies tatsächlich eine einseitige Ausrichtung. Mit der Welt der Daily Soaps und mit Homestories über sogenannte Prominente sind oft Werte wie Reichtum und Luxus verbunden oder die ausschließliche Ausrichtung auf Vergnügen und Genuss. Oder in Werbespots und Mode-Sendungen treten besonders schlanke Models auf, was den Eindruck erweckt, dass Schönheit mit extremer Schlankheit gleichzusetzen sei. Man sollte sich bewusst sein, dass teilweise aus puren Marktinteressen Stars und damit Idole aufgebaut werden. Andererseits werden in den Medien auch große Leistungen und Verdienste ins Blickfeld gerückt. Auch hier sollten Wertvorstellungen und Vorbilder ausgleichend aus verschiedenen Quellen und vor allem auch aus dem privaten Umfeld bezogen werden können. Eltern, Lehrpersonen, Freunde, die als glaubwürdige Vorbilder wirken, üben den nachhaltigsten Einfluss auf Kinder aus.

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Ist Fernsehen ein wertvolles Fenster zur Wirklichkeit?

Nach wie vor gibt es glücklicherweise im Fernsehangebot regelmäßig hochprofessionell gemachte Dokumentarfilme zu Themen der Natur oder zu großartigen Schauplätzen unseres Planeten und weitere qualifizierte Sendungen zu vielen Lebensbereichen. Nicht zu vergessen sind wertvolle Spielfilme, die in vertiefender Weise Aspekte des Realen darstellen können. Besonders wichtig für Kinder und Jugendliche sind eigens für diese Zielgruppen konzipierte und pädagogisch verantwortete Sendungen (z.B. im Ki.Ka, prämierte Filme des Prix Jeunesse International oder des Japan Prize). Sie liefern nicht nur wertvolle Fremderfahrungen, sondern fördern auch prosoziales Verhalten und wecken und verstärken in idealer Weise das Mitgefühl für Mensch, Kreatur und Umwelt.

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Text: Prof. Dr. Christian Doelker, Universität Zürich.

Dieser Text entstammt dem Infoset Medienkompetenz vom Medienpädagogischen For-schungsverbund Südwest. Weitere Informationen unter http://www.mpfs.de.

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